Redebeiträge vom 8. Juli

Redebeitrag der AG no tears for krauts bei der Demonstration „Insel fluten!“ am 8. Juli 2012

Werte Dorfgemeinschaft,

wir verstehen Eure Frustration und Eure Wut sehr gut: Es ist nicht schön, in einer Gegend zu wohnen, die nur unwesentlich dichter als das australische Outback besiedelt ist; es ist nicht angenehm, in einem Landstrich zu leben, um den Autobahnen und Fernreisezüge einen großen Bogen machen; und es ist ebenfalls nicht schön, wenn das kulturelle Highlight der Woche der kurze Halt des Bo-Frost-Autos ist. Wer von Euch in den Spiegel oder über den Gartenzaun schaut, der weiß: Die Nähe zur Natur, die eingeschränkten Sozialkontakte und die geringe Auswahl an Ehe- oder Sexualpartnern machen Menschen nur selten freundlich, attraktiv oder sogar glücklich. Die Frustration, die aus dieser misslichen Lage resultiert, und die Wut über die Unfähigkeit, den Ort der eigenen Verdummung ein für allemal zu verlassen, schlagen regelmäßig in Aggressionen gegen andere um: Mal sind es die Nachbarn, die das Elend aufgrund der von ihnen ausgehenden totalen Überwachung tatsächlich zu einem nicht unerheblichen Teil mitzuverantworten haben; mal sind es die Ehepartner, in denen man die eigenen Launen, Ticks und Scheußlichkeiten wieder erkennt; mal sind es die Kinder, denen man neidet, dass es ihnen möglicherweise tatsächlich einmal gelingen wird, das Dorf zu verlassen. Keine Marotte – von der Vorliebe für eine bestimmte Rasensorte bis zur Mülltonnenanordnung – ist zu klein, als dass daraus keine generationenübergreifende Feindschaft entstehen kann; kein Anlass – vom schiefen Blick bis zur falschen Betonung des Wortes „Prost“ – ist zu nichtig, als dass daraus beim Dorffest keine handfeste Auseinandersetzung entstehen kann. Und überhaupt Eure Feste: Jeder von Euch weiß aus eigener Erfahrung, dass die Dorf-, Schützen- oder Erntedankpartys hier auf dem flachen Land nur wenig mit Freude und Ausgelassenheit zu tun haben, sondern in der Regel lediglich das Vorspiel für die nächtliche Keilerei sind.
All diese Auseinandersetzungen, Gehässigkeiten und Feindschaften werden allenfalls dann und auch nur zeitweise stillgelegt, wenn sich die Dorfgemeinschaft auf einen gemeinsamen Feind einigt, der verbal oder handfest durch den Ort getrieben werden kann. Diese Gegner sind bevorzugt Menschen, die besonders auffallen: sei es, weil sie durch bestimmte Spleens oder Marotten aus der Reihe tanzen; sei es, weil sie Schwäche zeigen; oder sei es, weil sie durch Dialekt, Kleidung oder Nummernschild signalisieren, dass sie auch etwas anderes als das jeweilige Nest kennen. Letztlich kann es aber jeden treffen. In der Bekämpfung eines gemeinsamen Feindes rücken selbst Familien zusammen, die sich seit Jahrzehnten spinnefeind sind; nur bei seiner Verfolgung stellt sich die berühmte Harmonie ein, die frustrierte Großstadtbewohner so gern auf das Landleben projizieren.
Die Schlaueren von Euch wissen, dass sich ein solches Verfolgerkollektiv nach dem Prinzip einer Zwangsgemeinschaft zusammenfindet. Da die fehlende Anonymität eines Dorfes dafür sorgt, dass jeder über die kleineren und größeren Leichen im Keller des Anderen Bescheid weiß, hat jeder Angst davor, als nächster kollektiv über den Dorfplatz getrieben zu werden. Aus diesem Grund reihen sich in der Regel nicht nur die Frustriertesten und Gewalttätigsten in den Mob ein. Sondern es beteiligen sich nicht zuletzt auch diejenigen, die den meisten Dreck am Stecken haben. Es ist darum kein Zufall, dass die Proteste gegen Eure beiden neuen Nachbarn ausgerechnet von einem rechtskräftig verurteilten Verbrecher wie Alexander von Bismarck angeführt werden, den Ihr im traditionellen Untertanengeist auch noch zu Eurem Bürgermeister gewählt habt. Bismarck dürfte nicht nur eine gehörige narzisstische Kränkung zu kompensieren haben. Denn machen wir uns nichts vor: Familiengeschichtlich betrachtet, ist der Weg vom Reichsgründer und -kanzler zum Häuptling einer 300-Seelen-Gemeinde im großen Infrastrukturloch zwischen Magdeburg und Schwerin alles andere als ein Aufstieg. Vor allem aber dürfte sich Euer Bürgermeister zum Lautsprecher des Protests gegen die beiden Ex-Knackis gemacht haben, weil er selbst ein ehemaliger Straftäter ist. Wo die Verhältnisse eng sind und Anonymität verpönt ist, rettet sich der größte Gauner vor der möglichen Verfolgung dadurch, dass er sich an die Spitze der Meute stellt. So ist es unter Euch doch ein offenes Geheimnis, dass Bismarck in den achtziger Jahren zu drei Jahren verurteilt wurde, weil er Rentner im großen Stil um ihr Erspartes gebracht hat.
Selbstverständlich ist eine Vergewaltigung etwas anderes als Betrug. Aber seien wir doch auch hier ehrlich: Um Vergewaltigung, den Schutz Eurer Frauen oder Kinder geht es Euch doch gar nicht. Als es hier im Ort vor ein paar Jahren einen sexuellen Übergriff gab, begangen von einem Dorfbewohner, ist niemand von Euch vor das Haus des Täters gezogen, hat versucht, ihn zu verjagen oder sein Wohnhaus zu stürmen. Und überhaupt: Wer seine Kinder vor einem tatsächlichen oder vermeintlichen Kinderschänder schützen will, schleppt sie nicht permanent vor sein Haus – so wie Ihr es bei Euren Demonstrationen getan habt. Eine Eurer Mitinsassinnen hat es gegenüber dem Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen auf den Punkt gebracht: Es geht darum, dass Eure beiden neuen Nachbarn keine Einheimischen sind.
Wir kommen damit zum Ende – immerhin wollen wir uns im Unterschied zu Euch nicht ewig zwischen Kühen, Schweinen und abgerockerten Landadeligen aufhalten: Euren beiden neuen Nachbarn ist zu wünschen, dass sie in Ruhe leben können, wo sie wollen. Sie haben ihre Strafe abgesessen. Euch aber wäre es zu wünschen, dass sie und die wenigen vernünftigen Einwohner dieses Ortes, mit denen wir uns an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich solidarisieren, aus Insel wegziehen. Dann wäret Ihr vollkommen unter Euch und könntet Euch wieder wechselseitig wegen zu lauter Rasenmähergeräusche, zu hoher Hecken oder blöder Blicke beim Dorffest das Leben zur Hölle machen. Das wäre eine weitaus gerechtere Strafe als Insel zu fluten. Wir gönnen sie Euch von ganzem Herzen – Ihr habt sie Euch verdient!

ag no tears for krauts,
Juli 2012

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Beitrag der „Antideutschen Aktion Berlin“

Hallo Dieter, Hallo Anita, Hallo Bernd, Hallo Berta,

dass wir, die Demonstranten, sie Scheiße finden, sollte Ihnen schon längst aufgefallen sein. Wie Scheiße wir sie finden, werden wir im folgenden Redebeitrag etwas näher erläutern.

Als Sie sich das erste Mal aufmachten, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen, glichen Sie jenem hässlichen Lynchmob der im Mittelalter unter Gewaltandrohung Menschen aus dem Dorf jagte. Auch diese wussten damals schon: als eingeborene Inselaffen verteidigt man sein Revier mit harter Hand! Dass alle Menschen die gleichen Rechte haben, negierte nicht nur die ständische Gesellschaft, sondern auch die den Bewohnern anerzogene, ständige Angst vor dem Fremden, dem bis dato Unbekannten. Die dörfliche Idylle, nach der sich heute auch wieder viele Berliner oder Hamburger Biodeutsche sehnen, glich einem Gefängnis, wer rein durfte, aber noch viel wichtiger, wer nicht raus durfte, das bestimmte der Mob.

Die Dörfer waren Hochsicherheitstrakte in denen die ländliche Bevölkerung dahin vegetierte, ein Moloch aus stinkender Arbeit, ständigen Demütigungen und Hass auf jedes Leben jenseits der eigenen vier Mauern. Wo der gesunde Volkszorn wütet, schweigt der Verstand. Wo Zivilisation von den Franzosen mittels Waffengewalt der deutschen Bevölkerung aufgezwungen werden musste, dort regierte einst die Lust auf die Lynchjustiz, da es ihnen nie um Regeln innerhalb einer Gesellschaft ging, sondern immer nur um die barbarische Rache an denjenigen, die nicht der Norm entsprachen.

Heutzutage, nach dem erneuten Abzug der Alliierten, bricht sich dieses feudalistische Bedürfnis da und dort auf dem deutschen Lande wieder seine Bahnen. Sie, Bewohner von Insel, sind dafür das beste Beispiel. Die von Ihnen als öffentliche Moralpanik verpackten Angriffe auf das demokratische Rechtssystem, ihre Lust auf die Bestrafung zweier Menschen, die schon mit Knast bestraft wurden und die Ihnen persönlich nichts angetan haben, ist Ausdruck irrationaler Bedrohungsgefühle und der daraus abgeleiteten Strafwünsche, es ist der Ausdruck der Barbarei des Mittelalters.

Das Mittelalter wurde nach lange Kämpfen auch in Deutschland militärisch besiegt. Werte Bewohner von Insel, dies steht Ihnen nun abermals bevor! Die staatlichen Sicherheitskräfte werden solange im Dorf stationiert sein, bis Sie Ihr Anliegen, zwei Menschen zu lynchen, aufgeben. Wenn es sein muss, bleiben die Polizisten bis ans Ende ihrer Tage hier. Doch damit nicht genug, wir, Antifaschisten aus Sachsen-Anhalt und Umgebung, werden Ihnen auch dauerhaft auf die Pelle rücken. Wer Aufmerksamkeit haben möchte, der bekommt sie auch von unerwünschter Seite. So, wie Ihr anti-zivilisatorisches Aufbegehren die anti-zivilisatorischen Kräfte von Bismarck bis zur NPD anzog, so werden nun, nach der Landesregierung auch andere Demokraten durch Ihr Dorf schreiten.

Wollen Sie dies wirklich? Ihre Insel der Glückseligen ist dann nicht nur von zwei Neumitgliedern Ihrer Gemeinde bedroht, nein die Demotouristen aus den unzähligen autonomen Gruppen in diesem Land setzen dann Insel auf ihre Landkarte. Die Öffentlichkeit wird durch diese Entwicklung noch öfter über das Treiben hier berichten und die Polizei wird ein Hochsicherheitstrakt aus dem Dorf machen. Es könnte am Ende wahrlich so kommen, dass Sie, Dieter, Anita, Bernd und Berta sich bald so vorkommen, als wären sie gefangen. Als würde jeder Schritt von Ihnen beobachtet werden.

Am Ende, liebe Bewohner von Insel, verlieren Sie den Frieden und die Idylle, weswegen sie ja den beiden zugezogenen Männern seit Monaten die Hölle heiß machen. Und mal ganz ehrlich, uns macht es einen Riesenspaß ab und zu mal am Wochenende hier nach dem Rechten zu sehen.

In diesem Sinne, bis bald, Eure Antideutsche Aktion Berlin

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